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Im Markusevangelium beginnt das
Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern mit einer ungeheuren
Anschuldigung: Einer von ihnen wird Jesus verraten.
Stellen sie sich eine ähnliche Situation
bei sich zu Hause vor. Sie haben Besuch von guten Freunden und esse
gemeinsam. Es herrscht gute Laune. Sie unterhalten sich. Und einer
der Gäste sagt plötzlich: Einer von euch wird mich verraten.
Wie würden sie reagieren? Wahrscheinlich
würden sie den Ankläger für verrückt halten. Sie würden sicher den
Vorwurf brüsk zurückweisen oder betreten schweigen. Das gemeinsame
Mahl wäre mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu Ende.
In der biblischen Erzählung sind die
Jünger ebenfalls bestürzt. Doch dann geschieht etwas
aussergewöhnliches. Die Jünger weisen den Jesu Vorwurf nicht von
sich. Sie fragen ihn und fragen sich selbst: Bin ich’s? Bin ich
derjenige, der dich verraten wird? Jeder unter ihnen scheint dazu
imstande zu sein. Und tatsächlich, alle werden Jesus in dieser Nacht
im Stich lassen. Weder Judas, Petrus oder einer der anderen Jünger
wird zu Jesus halten. Dennoch feiert Jesus sein letztes Mahl mit den
zwölf Jüngern.
Jesus stiftet das Abendmahl in einer
Situation des Verrats, der Verleugnung und Distanzierung von Gott.
Bei jeder Abendmahlsfeier erinnert uns der Beginn der
Einsetzungsworte an diese Situation: «Jesus Christus, in der Nacht,
da er verraten ward…». Jene, die Jesus verraten, verleugnen und
verlassen, sitzen mit ihm am Tisch, feiern mit ihm das Abendmahl.
Deutlicher kann das, worum es in der
Mahlgemeinschaft mit Jesus vor allem geht, nicht zum Ausdruck
gebracht werden: Jesus lädt im Namen seines Vaters die Menschen zur
sinnlich erfahrbaren Gemeinschaft mit Gott ein. Und zu dieser
Gemeinschaft sind alle, wirklich alle, ohne Ausnahme eingeladen.
Keiner wird ausgeschlossen.
Im Abendmahl erleben wir sinnlich, was
für uns der Kern des Evangeliums, der guten Botschaft ist: Gott
nimmt uns bedingungslos an.
(von Pfr. Dr. Roland Liebenberg)
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